Freitag, 20.3.2026
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NABU: Wenn der Rasenmäher zur Todesfalle wird
Dramatische Zunahme an Schnittverletzungen – NABU Niedersachsen fordert Nachtfahrverbot für Mähroboter

Oldenburg, Oldenburger Land, d. 17.9.2025:
Ein leises Surren in der Nacht, ein gepflegter Rasen am Morgen – und dazwischen ein verletzter oder toter Igel. Was für viele nach moderner Gartenpflege klingt, ist für den heimischen Braunbrustigel (Erinaceus europaeus) zunehmend ein lebensbedrohliches Szenario, da Igel für Mähroboter kein wirkliches Hindernis sind und zudem als solches nicht erkannt werden. So werden die Tiere häufig von ihnen überrollt. Dabei werden schlimmste Verletzungen erzeugt, wie die Skalpierung, das Abtrennen von Gliedmaßen sowie das Zerschneiden der Schnauze. Etwa die Hälfte aller Igel überlebt einen solchen Vorfall nicht. Oftmals erliegen die Tiere erst Tage oder Wochen später ihren Verletzungen, bedingt durch heftige Entzündungen, die häufig durch die Eiablage von Fliegen im Wundbereich entstehen.
In Niedersachsen ist die Lage inzwischen so ernst, dass das Tier auf der aktualisierten Vorwarnliste der Roten Liste der Säugetiere gelandet ist. Der NABU Niedersachsen schlägt Alarm und fordert nach einem heutigen Pressegespräch in Hannover konkrete politische Konsequenzen.

Mähroboter: Stille Gefahr mit wachsender Verbreitung
Besonders kritisch: Die wachsende Zahl automatisierter Mähroboter, die oft in den Nachtstunden zum Einsatz kommen. In diesem Zeitraum sind Igel aktiv, auf Futtersuche oder auf dem Weg zum nächsten Versteck. Ihr natürlicher Schutzmechanismus, sich bei Gefahr einzurollen, schützt sie vor Fuchs und Dachs – nicht aber vor rotierenden Klingen. Die Folge sind schwerste Schnittverletzungen, die häufig zum Tod führen.
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) dokumentieren solche Vorfälle systematisch. Die Daten, die über eine geschlossene Plattform von Auffangstationen gesammelt werden, zeigen: Die Zahl der schwer verletzten Igel steigt rasant. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen, denn viele Tiere sterben versteckt in Hecken oder unter Sträuchern.

Technik noch nicht ausgereift – Igelstationen am Limit
Obwohl erste Forschungsansätze an tierfreundlicherer Technik existieren, sind bisher keine marktreifen Lösungen umgesetzt. Derzeit gibt es keinen einzigen Mähroboter am Markt, der nachweislich Kleinsäuger wie den Igel zuverlässig erkennt oder aktiv meidet. Unkontrollierte Einsätze in der Dunkelheit verschärfen das Problem zusätzlich. Die Folge: Immer mehr verletzte Tiere landen in Auffangstationen, die personell und finanziell überlastet sind. Viele stehen mittlerweile an der Belastungsgrenze.

NABU Niedersachsen fordert gesetzliches Nachtfahrverbot – Petition für landesweite Regelung
Für den NABU Niedersachsen ist klar: Freiwillige Selbstverpflichtungen der Hersteller reichen nicht aus. Der Verband fordert ein verbindliches Nachtfahrverbot für automatisierte Mähroboter – täglich zwischen 18 Uhr und 7 Uhr, sowohl auf privaten als auch auf öffentlichen Flächen. Eine entsprechende Petition wurde auf Landtagsebene eingereicht und vom NABU Niedersachsen aktiv unterstützt. Ziel ist eine landesweit einheitliche Regelung, um die Tiere effektiv zu schützen und gleichzeitig den Landkreisen und Kommunen rechtliche Klarheit zu verschaffen.
Die derzeitige Praxis, bei der einzelne Städte wie Göttingen eigene Verbote erlassen, führt zu einem Flickenteppich. Die Konsequenz: Unsicherheit für Eigentümer, keine klare Regelung für Hersteller und weiterhin viele verletzte Tiere.

Lebensraumverlust verschärft die Lage
Neben der akuten Gefahr durch Mähroboter sieht sich der Igel auch langfristigen Bedrohungen ausgesetzt. Strukturreiche Lebensräume in der Agrarlandschaft verschwinden, Gärten werden durch Steinschüttungen und sterile Rasenflächen lebensfeindlich und auch in der Stadt fehlt es zunehmend an Nahrung, Rückzugsorten und Durchlässen in Zäunen. Der Verlust an Biodiversität trifft den Igel besonders hart – denn er ist auf vielfältige, durchlässige und giftfreie Gärten angewiesen.

Schutz beginnt im eigenen Garten
Wer Igeln helfen möchte, kann bereits mit einfachen Maßnahmen viel bewirken. Ein naturfreundlicher Garten braucht keine durchgestylte Ordnung, sondern vielmehr Ecken, in denen die Natur sich ungestört entfalten darf. Wilde Winkel, dichte Sträucher, Laubhaufen oder alte Holzstapel bieten Schutz und Quartiere für Igel und andere Kleintiere. Auch durchlässige Zäune, flache Wasserschalen und der Verzicht auf Pestizide oder Laubsauger erhöhen die Überlebenschancen der Tiere deutlich.
Besondere Vorsicht gilt beim Einsatz sogenannter Maulwurfschrecks auf Ultraschallbasis. Sie senden für das menschliche Ohr kaum hörbare Töne aus, die jedoch viele Wildtiere wie Igel, Fledermäuse oder Amphibien stark stressen und dauerhaft aus dem Garten vertreiben können. Wer Tiere im Garten willkommen heißen will, sollte daher auf diese Geräte konsequent verzichten.

Weckruf für die Politik
Der Igel ist als „besonders geschützte Art“ durch deutsches Recht abgesichert. Doch dieser Schutz bleibt ohne konkrete Maßnahmen wirkungslos. Die aktuell dokumentierten Verletzungszahlen belegen, dass es kein Nischenthema mehr ist, sondern ein wachsendes Tierschutzproblem. Die Situation verlangt nach klarer Regulierung, nach Aufklärung und nach schnellem politischen Handeln.
Mit der Unterstützung der Petition, der Forderung nach einem Nachtfahrverbot und gezielter Öffentlichkeitsarbeit will der NABU Niedersachsen erreichen, dass der Schutz dieses heimischen Wildtieres nicht länger dem Zufall überlassen bleibt. Denn eines ist sicher: Wenn wir weiter zuschauen, wird aus dem Vorwarnstatus bald ein verschärfter Gefährdungsfall.

Weitere Infos
Der NABU hält für alle Igelbegeisterten ein kleines Info-Paket bereit, in dem sowohl auf die igelfreundliche Gestaltung eines Gartens oder Kleingartens – einschließlich Bauplan für eine Igelburg und Pflanzlisten sowie Übersicht zur Gefahrenbeseitigung – als auch auf Notfallinfos beim Fund von Igeln eingegangen wird. Es kann gegen Einsendung von 5 Euro beim NABU Bezirksgeschäftsstelle Oldenburger Land, Schlosswall 15, 26122 Oldenburg, Stichwort: Igel



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Für Rückfragen:
Mario Göwert, NABU-Regionalgeschäftsstelle Oldenburger Land, Schlosswall 15, 26122 Oldenburg, mario.goewert@nabu-niedersachsen.de, Tel. 0441 25600

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Presserechtlich verantwortlich: Mario Goewert, NABU Regionalgeschäftsstelle Oldenburger Land, Schlosswall 15, 26122 Oldenburg
 

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