Freitag, 19.10.2018
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Igelwinter im Juli/August, Frösche im Kühlschrank, Marienkäfer im Bett, eingefangene Schwalben im Hühnerstall
NABU alarmiert über wachsendes Unwissen zu Wildtieren

Oldenburger Land, d. 17.7.2017:
Dass ihn über das Jahr so manch kurioser Anruf erreicht, ist der NABU gewohnt. Niedersachsens größter Naturschutzverband verzeichnet allerdings einen zwar kurios anmutenden, aber doch besorgniserregenden Trend: „Das Unwissen zu Wildtieren wächst enorm in Teilen der Bevölkerung. Die Folge ist eine fast schon unglaubliche Vermenschlichung, die aus guten Motiven heraus an den Tag gelegt wird, aber die Tiere oft das Leben kosten kann“, berichtet NABU-Sprecher Rüdiger Wohlers, der selbst als Bezirksgeschäftsführer in der Oldenburger NABU-Geschäftsstelle viele Anfragen und Anrufe entgegennimmt.

Er kann Schlimmes berichten – „nur ein Ausriß aus dem gesamten Spektrum der vielen tausend Anfragen, die uns ebenso wie unsere Naturschutzzentren und anderen Außenstellen jährlich erreichen: Während noch vor Jahren die ersten besorgten Anfragen wegen untergewichtiger Igel im Dezember kamen, ist es jetzt mitunter schon Anfang August der Fall - in diesem Jahr sogar schon am 14. Juli, dem vergangenen Freitag - neuer Rekord! Allen Ernstes berichten dann Anrufer, sie machten sich um freilaufende Igel wegen des ‚anstehenden Winters’ Sorgen – purer Unsinn. Eine Anruferin hatte sogar schon mehrere Igel eingesammelt, und wir konnten sie nur mühsam dazu bewegen, diese schnellstmöglich wieder auszusetzen“, so Wohlers. „Igel sind Wildtiere, und nur in äußersten Notsituationen – bei Verletzung oder Krankheit – dürfen sie ausnahmsweise und vorübergehend aufgenommen werden, und sollten auf jeden Fall einem Tierarzt vorgeführt werden. Wer gesunde Igel einsammelt, riskiert ihren sicheren Tod und verstößt sowohl gegen Naturschutz- als auch Tierschutzrecht. Selbst im Dezember können noch Igel unterwegs sein, wenn sie aus einem späten Wurf stammen – ihnen kann man durch artgerechte Zufütterung helfen. Nur extrem untergewichtige Tiere dürfen überwintert werden.“ Besonders kurios ein anderer Igel-Fall: Ein Mann berichtete, er habe „die richtige Jahreszeit verpasst“, und deshalb habe er den Igel ein ganzes Jahr in seiner Veranda gehalten! „Wir reden dann oft mit Engelszungen, aber es ist schwierig, manche Menschen zu erreichen – sie haben Wildtiere aus ihrem Garten oder näheren Umgebung völlig vermenschlicht und sehen gar nicht ein, dass sie ihnen schaden.“

Nicht weniger abstrus war der Fall, der einen weiteren NABU-Mitarbeiter erreichte: Ein Bürger hatte, in dem guten Willen, etwas für die Frösche in seinem Teich zu tun, diese herausgenommen und ins Eisfach des Kühlschranks gelegt. „Was wie ein Aprilscherz klang, war bittere Wahrheit. Er fragte uns im späten Frühjahr, ob nun noch Fröste drohten, oder ob er sie aus der ‚Überwinterung’ nehmen könne.“

Aber nicht nur Säugetiere – häufig erreichen den NABU auch Anfragen zu Eichhörnchen, etwa, ob man sie für den Winter einfangen könne – und Amphibien stehen im Mittelpunkt vieler dieser „tief blicken lassender“ Anfragen, sogar Insekten sind mitunter betroffen: „Ich werde nie den Anruf einer älteren Dame vergessen, die uns an einem Herbsttag bat, vorbeizukommen und dreißig Marienkäfer abzuholen, „damit sie ein warmes Quartier finden“. Sie selbst habe sie schon mehrere Tage „am Fußende im Bett“ gehabt.

In einem anderen Fall hatte ein älterer Herr zu einer Art "Selbstjustiz" gegriffen - und, im Herbst - mit einem großen Kescher Mehl- und Rauchschwalben eingefangen und diese kurzerhand in seinen Hühnerstall gesperrt. Dem verdutzten NABU-Mitarbeiter am Telefon, den er anrief, um nach "Schwalbenfutter" zu fragen, erklärte er, warum er dieses (strafbare) Tun umgesetzt hatte: "Damit sie nicht im Süden gegessen werden!" Der NABU-Mitarbeiter erreichte, dass die Tiere sofort wieder freigelassen wurden.

Ähnlich fatal wirkt sich falsch verstandene Tierliebe – in tiefer Unkenntnis der wirklichen Lebensweise von Wildtieren – bei Vögeln aus. NABU-Bezirksgeschäftsführer Wohlers plaudert aus dem Nähkästchen: „Wenn im Frühjahr die Jungvogelsaison beginnt, werden allenthalben angeblich verlassene Jungvögel eingesammelt, in allerlei Behältnissen zu Auffangstationen gebracht, und oft hört man dazu: ‚Der rief ja ständig. Ich stand die ganze Zeit daneben.’ Tatsächlich haben diese Tierfreunde, unwissend, dass halbflügge Jungvögel zu ihren Elterntieren Rufkontakt halten und weitergefüttert werden, diese ihren Eltern entzogen – oft ein Todesurteil.“

Wohlers rief dazu auf, „weniger Vermenschlichung und mehr Naturwissen“ auf die Tagesordnung zu nehmen. „Das beste, was man für Wildtiere im eigenen Umfeld tun kann, ist die Gestaltung eines naturnahen Gartens. Der NABU gibt dazu gern Tipps und hält Materialien bereit. Falls wirklich einmal ein Wildtiere krank oder verletzt gefunden wird, sollten Tierarzt und anerkannte Auffangstationen benachrichtigt werden.“

Presserechtlich verantwortlich: Rüdiger Wohlers, NABU Oldenburg, Schlosswall 15, 26122 Oldenburg
 

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